All Walls Must Fall | Coming Out

All Walls Must Fall | Coming out

Alternative Realitäten und Zukunftsszenarios: Wir schauen uns in Berliner Ostblock-Nachtclubs um, um ein Attentat zu verhindern.

Nach einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne folgte im vergangenen August die Early-Access-Phase von All Walls Must Fall. Seit letzter Woche hat die ein Ende gefunden, weshalb wir 71 Jahre in die Zukunft gereist sind und uns ein neues Bild vom Cyberpunk-Berlin gemacht haben

All Walls Must Fall | Coming out

Wir schreiben das Jahr 2089, der Kalte Krieg hält bereits seit 150 Jahren an. Sowohl West- als auch Ost-Berlin nutzen Zeitreise-Technologien, um die Schritte der anderen Seite zu beobachten. Als ein nuklearer Angriff alles zu zerstören droht, senden beide Widersacher ihre besten Agenten in die Vergangenheit, um die Drahtzieher des Attentats ausfindig zu machen. In der Rolle des Stasis-Agenten Kai spielen wir einen dieser Operatoren und schauen uns in der Berliner Schwulenszene genauer um. Wir befragen DJs, sprechen mit Kontakten und suchen (unter anderem in Aschenbechern) nach nützlichen Hinweisen, die uns mehr zu den Hintergründen des Angriffes verraten. Warum wir genau in Nachtclubs nach Beweisen suchen ist unklar, allerdings laden uns der stimmige Soundtrack und die volle Tanzfläche auf jeden Fall zur Investigation ein.

All Walls Must Fall

Die Entwickler beschreiben All Walls Must Fall als ''Xcom trifft Braid'' und geben damit bereits die Essenz des Spiels wieder: Während das taktische Kampf- und das Deckungssystem in der Tat an Xcom: Enemy Unknown erinnert, erhalten wir ebenso wie in Braid die Möglichkeit der Zeitmanipulation. Ermöglicht wird das alles durch die drei Fähigkeiten ''Undo'', ''Rewind'' und ''Trace Back'' - Talente, mit denen Kai die Zeit um ihn herum zu seinen Gunsten manipuliert. Im Kampf gegen feindliche Sicherheitsmänner und Drohnen stehen uns außerdem bis zu drei Waffenslots zur Verfügung, die wir mit Argumentationsverstärkern, wie einer Pistole oder der praktischen Schrotflinte auffüllen. Statt einer gewissen Anzahl von Zügen müssen wir dabei auf unsere ''Zeiteinheiten'' Acht geben, denn jede Bewegung und Aktion verschlingt diese Ressource. Durch erfolgreich abgeschlossene Kämpfe und dem Entdecken neuer Räume füllen wir unsere Zeitreserven wieder auf und bekommen somit mehr Spielraum, um Kais Repertoire im Kampf anzuwenden.

Zeit ist in All Walls Must Fall sprichwörtlich Geld, denn je mehr davon am Ende einer Mission übrig bleibt, desto mehr Credits erhalten wir. Diese investieren wir anschließend im Shop für das Freischalten und Aufwerten von Fähigkeiten, Waffen oder auch Augmentierungen. Eine Körperrüstung erlaubt uns mehr Schüsse im Kampf einzustecken, der Einsatz von Pheromonen wiederum erhöht unsere Flirtversuche bei den Sicherheitsmännern. Wie sonst würden wir in der Berliner Nachtszene sonst an wichtige Informationen kommen?

Das Dialogsystem erinnert an ein simples Minispiel und bietet eine nette Ergänzung zu den actionlastigen Kämpfen. Wird ein Aufpasser auf uns aufmerksam müssen wir ihn erfolgreich verschrecken, per Flirt in unseren Bann ziehen oder seinen Respekt auf andere Art oder Weise erhalten, um einen Kampf zu vermeiden. Stellen wir uns dabei blöd an und wählen von den vier zur Auswahl stehenden Antworten die Unpassende aus, finden wir uns anschließend in einem Gefecht wieder. Auch hier stehen uns Kais Zeitreise-Fähigkeiten zur Verfügung, mit denen wir unsere getroffene Entscheidung umkehren und es auf einem anderen Weg erneut probieren dürfen. Verplappert euch aber nicht zu oft, sonst findet ihr euch schnell ohne Zeiteinheiten wieder.

All Walls Must Fall

Die wohl größte Hürde eines Spieleentwicklers ist es, den Spieler in den sogenannten "Gameflow" zu versetzen. Darunter versteht man den Zustand, in dem die dargebotene Herausforderung perfekt mit den Fähigkeiten des Spielers überschneidet, sodass dieser weder frustriert noch gelangweilt wird. Der erste Kontakt mit den Zeitreise-Fähigkeiten gestaltete sich in meinem Fall allerdings etwas holprig. Oftmals scheiterten die Missionen, weil ich mich mitten im Kampf ohne Zeiteinheiten wiederfand. Wer jedoch erst einmal ein Gefühl für den Einsatz der Fertigkeiten bekommt, der erkennt das wahre Potential von All Walls Must Fall und gelangt schnell in den besagten Spielfluss.

All Walls Must Fall

Die hohe Anpassungsfähigkeit unseres Charakters verspricht, gepaart mit den prozedural generierten Clubs, eine Menge Wiederspielwert. Sollte uns trotzdem langweilig werden, können wir durch Aktivierung des Permadeath-Features mehr Würze in unser Spielerlebnis bringen, denn bei einer fehlgeschlagenen Mission verlieren wir den gesamten Kampagnenfortschritt. Wer die Schnelligkeit des Spiels voll ausreizen will kann zudem den Timer einschalten, der uns pro Sekunde in der wir keine Aktion tätigen Zeiteinheiten raubt und somit schnelle Befehle voraussetzt. Das Entwicklerstudio rückt also ganz klar den Kampf in den Vordergrund des Spiels, doch was ist mit dem Rest?

Offengestanden müssen wir ernüchtert feststellen, dass sich seit unserer Vorschau im vergangenen August leider nicht viel im Spiel getan hat. Zwar können wir nun die Kamera drehen, um einen besseren Blick auf die Räume zu bekommen und somit neue, versteckte Sammelobjekte finden, für mich tritt All Walls Must Fall damit aber auf der Stelle. Die prozedurale Generierung der Clubs zusammen mit Kais unzähligen Anpassungsmöglichkeiten bieten eine Menge Unterhaltung, keine Frage. Doch die eigentlich so schöne Rahmengeschichte des Spiels bleibt dabei fast komplett auf der Strecke. Wieso dürfen wir nicht mehr über das Cyberpunk-Berlin erfahren, wieso wiederholen sich die Dialogmuster der NPCs bereits nach wenigen Missionen und warum halten wir uns lediglich in Ost-Berlin auf?

All Walls Must Fall

Auch die Clubs wirken trotz wechselnder Architektur mit ihren grauen Block-Wänden nach einiger Zeit etwas trist und seit letztem Jahr hat sich visuell eh nicht viel getan. Die Stärken von All Walls Must Fall liegen weiterhin in der Geschwindigkeit und seiner Variabilität. Tägliche Herausforderungen, Permadeath und das weite Angebot des Shops richten sich vor allem an eine Zielgruppe, die ihr taktisches Verständnis herausfordern möchte.

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Freunde des Strategiegenres könnten mit diesem Spiel trotz seiner Mängel ein kleines Juwel vorfinden, wenn sie sich auf die besagten Schwächen einlassen. Beim Preis von nur knapp 9,99 Euro kann man aber auch nicht sonderlich viel falsch machen.

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Anne ist Game Design-Student und setzt sich freiberuflich mit der Videospielkultur auseinander. Neben kleineren Indie-Titeln und psychologischen Themen hat es ihr vor allem das Sci-Fi-Genre angetan. Unter @azarnecke tweetet sie hauptsächlich Fotos von ihren Hunden.

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