Comics

AMERICA’S GOT POWERS – Superhelden treffen auf die Hunger Games

von Anne Zarnecke am 12. Mai 2015

America's Got PowersSuperman, Spiderman, Elektra. Alle haben eins gemeinsam: Sie sind stark und Kriminelle fürchten sie. Wie der Begriff „Superheld“ schon vermuten lässt, handelt es sich um Menschen (und anderes) mit übernatürlichen Fähigkeiten. Sei es die inzwischen recht bekannte Fähigkeit, sich mit Spinnenfäden durch die Luft zu befördern – oder auch nur ein Spiegelei per Laserblick zu braten.

Was aber, wenn die Rollenverteilung einmal umgedreht wird? Wenn die Superkräfte einen viel mehr zum Außenseiter der Gesellschaft machen? In Jonathan Ross‘ Superhelden-Comic America’s Got Powers wird das Machtverhältnis gehörig auf den Kopf gestellt.

Baby Boom in San Francisco

Alles begann vor 18 Jahren. Ein riesiger strahlender Kristall bedeckte den Himmel, die Menschen, sichtlich verwundert, ließen alles stehen und liegen. Mit einem Mal gebar jede schwangere Frau im Umkreis ihr Kind, egal ob im ersten oder siebten Monat. Das Ergebnis: Die Generation Superheld. Ähnlich wie bei X-Men werden die Menschen also schon mit einer speziellen Gabe geboren statt sie im Laufe ihrer Geschichte (siehe Spiderman) zu bekommen. Auch sonst sind die Mensch/Superheld-Verhältnisse stark an den Marvel-Klassiker angelehnt.

Wir machen einen Sprung zu Tommy Watts, dem Hauptprotagonisten der Geschichte. Ein verplanter Tollpatsch wie aus dem Buche und gleichzeitig der einzige Superhelden-Teenager ohne…naja…Superkräfte. Ziemlich lasch. Von klein auf zusammengeschlagen und ausgelacht für seine „Unfähigkeit“, hat er sich an seine Position als Nullnummer gewöhnt. Dafür erhält er den passenden Spitznamen „Zero.“ Besitzt man Kräfte, wird man verstoßen. Ist man normal, muss man mit Spott rechnen. Egal was man tut, man kann es nie allen recht machen.

America's Got PowersMediengeilheit und Reality-TV-Wahn

Generell hält Jonathan Ross seinen Comic in einem sehr sozialkritischen Ton. Die Probleme der Gesellschaft und die der Superhelden lassen sich leicht auf unsere sozialen Konflikte zurückführen: Intoleranz gegenüber anderen und der Sucht nach mehr. Mehr Ruhm, mehr Geld, mehr Macht.

Angelehnt an kulturell wertvollen Serien wie „Das Supertalent“, „America‘s Got Talent“ oder „DSDS“, finden wir uns hier bei „America’s Got Powers“ wieder. Mehr Superkräfte, aber genauso niveauvoll. Hier wird jedoch mit Druck gearbeitet. Die Superhelden sind eine Belastung für die Gesellschaft. Durch eine nicht vorhandene staatliche Unterstützung verarmen diese, werden aggressiv und dann weggesperrt. Unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit werden sie wie Zuchtvieh behandelt und für absurde Experimente missbraucht.

America’s Got Powers gehört zu den beliebtesten Serien, baut jedoch langsam ab. Die Zuschauer wollen mehr. Mehr Gewalt, mehr Brutalität, mehr stumpfe Unterhaltung. Vergleichbar mit einer Mischung aus Gladiatoren-Kampf und Hunger Games, treten hier die anstrebenden Superhelden an. Der Preis? Der Platz in der einzig anerkannten „Superhelden-Liga.“ Mehr als Ruhm und den Titel steckt jedoch nicht dahinter. Anstatt das Leid vieler Menschen dank Superkräfte zu verringern ist das Gesicht im Fernsehen wichtiger. Traurig, aber wahr. In verschiedenen Prüfungen müssen sich die Neulinge beweisen, um sich schließlich gegen die momentan herrschende Superhelden-Liga zu beweisen. Oftmals enden die Kämpfe mit schweren Verletzungen, Verkrüpplung oder dem Tod.

Jeder normal denkende Mensch würde mit allen Mitteln verhindern, in solch einer Show aufzutreten und sein Leben zu riskieren für ein kleines Stückchen Ruhm. (Also naja, wenn man nicht genauer drüber nachdenkt zumindest.) Die Übermenschen werden in der Gesellschaft jedoch so stark unterdrückt, dass ihnen kaum etwas anderes übrig bleibt. Die Regierung weiß, wie man die Menschen manipuliert. Winzige Wohnzwinger mit mehreren Menschen, keine Rechte, Ausgestoßene der Gesellschaft. Mit einem Platz in der beliebten Reality-TV-Show können sie dank einer „Höherstufung“ ihren Rang verbessern und sich so mehr Raum und Freiheiten sichern.

America's Got PowersDer Loser der Nation

Kommen wir zurück zu Tommy Watts. Auch er musste in der Vergangenheit die grausame Realität der korrupten Gesellschaft spüren. Bobby Watts, sein Bruder, starb im Kampf gegen die amtierende Superhelden-Liga. Keine Leiche, keine Erinnerungen. Selbst dieses Stück Menschlichkeit wird ihnen nicht gelassen. Den Grund dafür erfährt man später und der ist widerwärtiger als man sich zuerst vorstellt, ganz nach dem Motto „From Zero to hero.“ Wer ein bisschen nachdenkt und Erfahrung mit Storytelling hat, der dürfte schon wissen, was auf uns zukommt. Nachdem Tommy als Maskottchen in der aktuellen Staffel der TV-Show arbeitet, verspüren Publikum und Teilnehmer die Ausmaße der Gier. Die Kandidaten werden durch die Kampf-Roboter in der Arena regelrecht zerstückelt. Schafft man es an den Maschinen vorbei, kommen die Kandidaten in die nächste Runde. Durch eine zu radikale Programmierung greifen diese jedoch nicht nur die Superhelden an, auch das Publikum ist nicht sicher. Ganz „Shit happens“ denkt sich der Sender und hält die Kamera trotzdem weiter auf das Geschehen. Vergleichbar mit Leuten, deren erster Reflex bei einem Unfall der Griff in die Hosentasche ist, um das Smartphone zu zücken. Bei dem Versuch, ein Kind vor den terrorisierenden Maschinen zu retten, erreicht Tommy ungeahnte Kräfte. Ist die Nullnummer der Nation vielleicht einer der mächtigsten Menschen der Welt? Der erste Band endet mit einem großen Cliffhanger rund um Tommy’s Zukunft.

America's Got PowersSozialkritik und Superhelden

Besonders gefällt mir Jonathan Ross‘ ernster Unterton. In fast jeder Zeile bemerkt man Parallelen zu den Problemen unserer heutigen Zeit. Sei es die unersättliche Mediengeilheit oder das Verlangen, andere Menschen zu unterdrücken. Eine wichtige Rolle spielt hier Senatorin Susan Handler. Diese übt eine viel größere Macht auf ihre übernatürlichen Bewohner aus als pure Gewalt: Psycho-Terror. Durch geschickte Manipulation werden Angehörige ins Visier genommen und als Druckmittel genutzt. Hinter dem riesigen Media-Deckmantel steckt jedoch noch viel mehr, als sich anfangs erahnen lässt. Die Gier nach Kontrolle über die Übermenschen und unersättliche Kraft macht sie auf Tommys unglaubliche Kräfte aufmerksam. Ich bin gespannt, was uns im nächsten Band erwartet.

Vor einigen Wochen ist erstmalig die deutsche Version des Softcover-Bands erschienen. Der erste Sammelband beinhaltet die ersten drei Teile des Comics. Insgesamt besteht die Serie aus sieben Heften, man kann also mit einem zweiten Sammelband rechnen.

Fazit

Statt den sonst so hoch gepriesenen Superhelden findet man hier neben Kickass die wohl realste Version über das Leben der Supermenschen. Statt einer Prise nimmt Jonathan Ross gleich eine Handvoll Kritik an uns Menschen. Zusammen mit Bryan Hitch’s schön inszenierten Zeichnungen ist America’s Got Powers definitiv einer der Comics, die ich auch privat weiterlesen werde. Jetzt bitte noch eine (gelungene) Verfilmung und ich bin zufrieden.

Details
Item Reviewed

America's Got Powers 1

Author
12. Mai 2015
Release

10. März 2015

Seiten

108

Genre

Superhelden

Künstler

Bryan Hitch

Autor

Jonathan Ross

Verlag

Panini Verlag

Bewertung
Unser Rating
User-Bewertung
Hier bewerten
Lesenswert
Gesamtwertung
User-Bewertung
1Wertung
Du hast dies bewertet
Irgendwas mit Videospielen, Musik und Comics. Bärte sind die besseren Menschen.
WP-Backgrounds Lite by InoPlugs Web Design and Juwelier Schönmann 1010 Wien