Comics

BERLINOIR Vampirisches in Berlin

von Anne Zarnecke am 7. Januar 2015

BERLINOIRDas Original von Berlinoir kam 2003 raus. Die Ereignisse in den vergangenen Wochen beweisen jedoch, wie aktuell das Thema traurigerweise noch immer ist. Kürzlich wurde Berlinoir als Hardcover vom Carlsen Verlag veröffentlicht, inklusive der drei Bände „Scherbenmund“, „Mord“ und „Narbenstadt“. Erst durch diese Neuveröffentlichung bin ich auf Tobias O. Meißners Werk aufmerksam geworden. Zwischen Kriminalliteratur und politischen Themen findet man hier ein ausgereiftes Vampir-Konzept.

Ein blutiger Schleier hängt über Berlin, zu jener Zeit noch als Berlinoir bekannt. Die Stadt liegt in den Händen eines mächtigen Vampir-Clans, unter der Regierung Nicolas Szerbenmunds (Scherbenmund). Die menschlichen Bewohner werden geradezu als Zuchttiere gehalten. In stallähnlichen Anlagen müssen sie einen Großteil ihres Blutes spenden. Die Bewohner bezahlen also wortwörtlich mit Blutgeld. Hier wird der Spieß umgedreht: Statt Unterdrückung bilden die Vampire die Elite, Menschen sind die Untertanen. Erinnert an Massentierhaltung und…Nazis.
Nazi-Zombies hatten wir ja schon öfter mal, Nazi-Vampire waren mir jedoch neu. Durch die stetig andauernde Propaganda der Vampire und unmenschlichen Lebensverhältnisse der Menschen wird versucht, die Lebenden zum Vampirismus zu treiben. Als Mensch lebt man in ständiger Angst und muss in die „Blutfabriken“, als Vampir ist man frei.

Spätestens jetzt sollten Twilight-Fans aussteigen. Berlinoir handelt definitiv nicht von glitzernden Vampiren und flauschigen Werwölfen. Angst, Propaganda und Mord treffen da schon eher zu. Ganz so einfach lassen sich die Menschen jedoch nicht unterkriegen. In einer zweckbegründeten Untergrund-Organisation planen die Menschen Attentate auf hochrangige Vampire. Die Hauptrolle spielt Niall, einer der besten Vampirjäger in Berlinoir. Statt den proletarischen-Protagonisten zu spielen, zweifelt dieser jedoch an seiner Aufgabe.
Ähnlich tiefgründig wie Niall ist der Zeichenstil des Comics. Feine, weiche Linien werden komplett weggelassen. Die Figuren wirken sehr kühl und streng, vor allem die Frauen Berlinoirs werden sehr maskulin dargestellt. Berlinoir ist eine dreckige, versmogte Stadt. Sonnenlicht wird komplett vermieden, Vögel wurden durch Fledermäuse ersetzt. Überall spiegelt sich die Idee des Totalitarismus wider.

Blutrünstige Politiker statt funkelnde ZauberwesenBERLINOIR

Wann findet man heutzutage noch einen guten Vampir-Film/-Comic? Alles wird verweichlicht. Vampire sind wunderschön und glitzernd. Sie werden als „romantisch“ bezeichnet und sind spätestens seit Twilight fest im Teenie-Universum verankert. Wo sind die blutrünstigen Wesen, gezeichnet von tiefen Augenringen und der Gier nach Blut? Berlinoir beschreibt das Leben der Vampire so „real“ wie möglich. Vorurteile, Ausbeutung und politisches Machtgehabe herrschen im dunklen Berlin vor. Endlich sind die Vampire mal nicht die romantischen Zauberwesen, sondern gerissen und wortwörtlich kaltblütig. Um ihr Überleben zu sichern, müssen sie ihre Rasse aufrechterhalten, denn diese schwindet langsam dahin. (Auch hier kann man eine Parallele zu unserer überalterten Gesellschaft sehen.) Tobias Meißner bringt die Ansichten der blutrünstigen Seite Berlinoirs schön zum Vorschein. Von Religion und Freiheit halten diese nichts.

BERLINOIRVersteckte Botschaften

Wie schon angesprochen stützt sich Berlinoir auch auf die geschichtlichen Ereignisse des zweiten Weltkriegs und vermischt diese mit fantastischen Wesen. Und darin liegt der eigentliche Fokus des Comics. Durch die letzten Wochen wird wieder einmal klar: So wirklich weit entfernt ist das alles gar nicht. Nur weil wir den weniger charmanten Österreicher schon lange los sind, heißt es nicht, dass sich so etwas nicht wiederholen kann. So zeigt uns beispielsweise die PEGIDA wieder einmal, wie schnell Angst vor dem Fremden umschlagen kann in Hass. In Berlinoir dient Szerbenmund als die blutsaugende Version Hitlers. Es wimmelt nur so von Propaganda, Minderheiten und den sogenannten „Blutfabriken“, dem Pendant zum Konzentrationslager. Ohne sich in die Kategorie der hirnlosen Nazi-Filme/-Comics einzureihen, schafft es Tobias, das Konzept glaubwürdig umzusetzen. Das Thema drängt er dabei nicht unangenehm in den Vordergrund, zwischen den Zeichenstrichen erkennt man die Botschaft.

Man muss klar sagen: Leute, die einen witzigen oder gar romantischen Vampir-Comic erwarten, sind bei Berlinoir definitiv falsch. Diese beiden Faktoren werden im Comic komplett ausgelassen. Zu Recht, meiner Meinung nach. Wie oft musste man sich schon eine schlecht aufgedrängte Romanze anschauen, bei der man sich dachte: Muss das jetzt sein? Unterschwellig stellt Tobias in seinem Werk auch die damalige Situation dar, nur dass man dort meines Wissens keine Vampire hatte. Ich kann mich aber auch irren, in Geschichte bin ich oft eingeschlafen.

Wer also einen sozialkritischen und realistischeren Vampir-Comic möchte, ist bei Berlinoir genau richtig, Twilight-Fans sollten sich lieber wieder in ihre Bücher stürzen.

Details
Item Reviewed

Berlinoir

Author
7. Januar 2015
Release

29.08.2013

Seiten

160

Genre

Mystery

Künstler

Reinhard Kleist

Autor

Tobias O. Meissner

Verlag

Carlsen Comics

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Irgendwas mit Videospielen, Musik und Comics. Bärte sind die besseren Menschen.
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