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ER IST WIEDER DA – Der Führer in Berlin

von Anne Zarnecke am 7. Oktober 2015

Er ist wieder da. Wir schreiben das Jahr 2014. Hitler wacht in einem Berliner Wohngebiet auf, klopft sich die Blätter von den Schultern, setzt sich seinen Hut auf und läuft los. Was wäre, wenn der österreichische Tyrann einen Einblick in unsere heutige Zeit bekommen könnte? Der Film zu Timur Vermes‘ Bestseller „Er ist wieder da“ verrät es uns.

er ist wieder da2012 begeisterte Timur die Menschen mit seiner Hitler-Satire „Er ist wieder da“ und stellt die Frage: Was wäre wenn? Knapp zwei Millionen verkaufte Exemplare und eine Übersetzung in 41 Sprachen sprechen für den Erfolg des Buches. Drei Jahre danach können wir uns nun auch auf der Leinwand ansehen, was der Führer in einer Zeit, gesteuert von Internet und Smartphones, tun würde.

Dargestellt wird der Österreicher von Oliver Masucci, der sonst eher im Theater zu sehen ist. An seiner Seite agieren alte Bekannte wie Christoph Maria Herbst (Stromberg), Katja Riemann (Fack ju Göhte 2) oder auch Fabian Busch (Tatort). Sie bringen uns eine Hitler-Satire mit viel Humor und Charme. So zumindest der Plan. In der Praxis sah das Ganze ein wenig anders aus.

Mein unglaublich langsames Leseverhalten und die fast schon narkotisierende Wirkung von Büchern auf mich haben verhindert, dass ich mir die Buchvorlage zuerst vornehmen konnte. Von daher kann ich leider nicht darauf eingehen, ob und wie gut das Ganze vom Buch in den Film übertragen wurde. Ein 400-seitiges Buch, geschrieben fast einzig und allein in der Ich-Perspektive, in ein ordentliches Drehbuch zu verwandeln scheint mir jedoch als keine allzu einfache Aufgabe.
er ist wieder daSchon im Vorfeld reiste man mit Oliver Masucci, verkleidet als Adolf Hitler, durch Deutschland und interviewte Passanten. Einige Antworten ließen mich in den Himmel gucken und flehen, dass es sich hierbei nur um gestellte Szenen handelte. Ein Blick in die Bild verriet mir jedoch etwas anderes. Hier spielte man mit der geringen Auffassungsgabe einiger Glatzen-Menschen und befragte diese nach ihrer Meinung über das heutige Deutschland. Nickend stimmte Oliver, verkleidet als ihr Messias, zu und versprach Besserung unter seiner Führung. Eine andere Szene zeigt Hitler, der seine erste Begegnung mit dem Internet hat und alles zum Thema „Weltherrschaft“ per Google sucht. Es sind Momente wie diese, die mich zum Lachen brachten. Der humoristische Teil des Films wäre also erfüllt. Aber wie sieht es mit dem satirischen Anteil aus?

Hitlers eigentliche Macht war es, das komplette Volk durch seine Reden für seine Ideologien zu begeistern. Ein Land fand seinen Untergang, geleitet durch eine einzige Stimme und die Unterstützung vieler kleiner Helfer. Der Großteil eines ganzen Volkes war dafür, andere in den Tod zu stürzen und überzeugt davon, nur so das eigene Überleben zu sichern. Wie kann ein einzelner Mann zu so viel Macht kommen? Kontrolle und Beeinflussung waren die Stichwörter.

Und dies wurde im Film hervorragend umgesetzt. Auch wenn die Umstände heute völlig andere sind und niemand damit rechnet, dass es sich um den realen Hitler handelt. Im neuen Berlin wird dieser als Standup-Comedian in der Rolle Hitlers gesehen und erlangt somit Aufmerksamkeit. Der Effekt bleibt jedoch der gleiche. Er begeistert die Massen, tritt in Shows auf. Menschen jubeln ihn zu und freuen sich sein Gesicht zu sehen, während dieser, wenn auch auf witzige Art und Weise dargestellt, versucht, Deutschland zurückzuerobern.

er ist wieder daMit unserer medialen Präsenz und der leichten Beeinflussbarkeit ist es heute einfacher denn je, sich durch starke Persönlichkeiten wie den Österreicher beeinflussen zu lassen. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Man braucht sich nur die Flüchtlingssituation und deren unzählige Gegner ansehen und es wird einem bewusst, wie leicht die Stimmung umkippen könnte. Der Film schlägt also unterschwellig auch einen ernsten Ton an. Wo liegt also das Problem?

Das eigentliche Problem am Film ist der Film selbst. Denn dieser weiß selbst nicht so richtig, was er sein möchte. Satire? Comedy? Der ernste Blick in die Zukunft mit der Frage: „Was wäre wenn?“ oder doch ein absoluter Trashfilm? Während die einzelnen Faktoren von Satire und Comedy gut umgesetzt wurden, wird der Zuschauer viel zu sehr hin- und hergerissen. In einer Sekunde sehen wir reale Bilder unserer immer ernsteren Situation in Sachen Pegida, Aufstände und Flüchtlinge. In der anderen befinden wir uns in einem Raum mit sechs Comedians, die sich gegenseitig schlechte Judenwitze erzählen. Dazu kommt noch die überflüssige Einbindung von wie Kaugummi am Schuh klebenden „Youtube-Stars“ à la Dagibee oder Inception-artige Situationen, die zwischen Filmset und dem Film selbst hin- und herschalten. Szenen wie diese ergeben für mich einfach keinen Sinn und lenken von der eigentlich so genialen Thematik des Films ab.

er ist wieder da

Fazit

„Er ist wieder da“ ist also eine mittelmäßig gelungene Umsetzung eines großartigen Buches. Hätte man an einigen Stellen die medialen Einflüsse unterdrückt und sich stattdessen mehr mit der Kernfrage „Was macht Hitler im Neuzeit-Berlin und wie reagiert er darauf?“ befasst, wäre ich um einiges zufriedener aus dem Kino-Saal gegangen. Nichtsdestotrotz werde ich mich nun an den Versuch heranwagen, das Original Bestsellerbuch zu lesen, ohne nach zwei Seiten im Stehen einzuschlafen.

 

Details
Item Reviewed

Er ist wieder da

Author
7. Oktober 2015
Länge

1 Std. 56 Min.

FSK

12

Genre

Komödie

Regie

David Wnendt

Mit

Oliver Masucci, Christoph Maria Herbst, Fabian Busch

Verleih

Constantin Film

Irgendwas mit Videospielen, Musik und Comics. Bärte sind die besseren Menschen.
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