pillars of eternity

Ode an die Rollenspieler: PILLARS OF ETERNITY

pillars of eternityWer einen Blick auf Obsidian Entertainments Pillars of Eternity wirft, wird zuerst auf den veralteten Grafikstil aufmerksam. „Mega veraltete Grafik! Ich will was erschießen!1“ erzürnt es aus den ersten Steam-Reviews und Youtube-Kommentaren. Vielleicht sollten wir doch lieber ein wenig weiter vorne ansetzen.

1998 schuf BioWare mit Baldurs Gate den Heiligen Gral der Rollenspiele. 2001 erschien Baldurs Gate 2, das erstaunlicherweise genauso gefeiert wurde. Nicht viele Entwickler schaffen es mit einer Spielefortsetzung einen Spieler genauso an den Bildschirm zu fesseln wie beim Vorgänger. Nehmen wir den Release von Dragon Age: Inquisition als Beispiel, auch aus dem Hause BioWare. Neben viel Lob und Begeisterung fand man vermehrt einen quengelnde Bitte: Ich wünsche mir einfach einen Nachfolger von Baldurs Gate. Und tadaa! Pillars of Eternity stammt zwar nicht aus Baldurs‘ Elternhaus, zeigt sich aber als sehr guten Nachfolger für die beliebte Reihe.

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Der Heilige Nerd-Gral

Aber wieso war Baldurs Gate so erfolgreich? Was hat es so viel besser gemacht als andere Spiele? BioWare waren die ersten, die eine „Dungeons & Dragons“-Atmosphäre in einem Spiel einfingen. Vieles wurde übernommen und auf das Spiel abgestimmt. Aber was ist jetzt schon wieder Dungeons & Dragons? Dafür begeben wir uns kurz mal in die Tiefen des Nerd-Sumpfes. Dungeons & Dragons ist ein sogenanntes „Pen & Paper“-Spiel. Hier arbeitet man vorwiegend mit Würfeln, einem Zettel zum Notizen machen, und wahlweise kleinen Figürchen. Quasi ein abgespecktes Brettspiel ohne Brett. Das Regelwerk ist ungefähr genauso übersichtlich wie mein Mathe-Unterricht in der siebten Klasse. Als Neuanfänger ist man hier ziemlich aufgeschmissen. So weit, so gut. Zurück zum Thema.

Mit Baldurs Gate entstand also das erste Spiel mit angelehnt an die D&D-Regeln. Das war jedoch nicht der einzige Grund. Ausgereifte Charaktere, extrem gut geschriebene Dialoge und eine tolle Atmosphäre begründeten den starken Hype zur Jahrhundertwende. Auch die „Echtzeit-Action“ begeisterte. Den Kampf anhalten, Angriffe planen, seine eigene Truppe je nach Stärke positionieren. Es war einfach ein in vielen Punkten abgerundetes Spiel. Noch heute gilt es als eines der einflussreichsten Spiele.

pillars of eternityPillars of Eternity: Kann das was?

Wie soll man denn nach all diesen begeisternden Erzählungen von Baldurs Gate ein anderes Spiel gut finden? Pillars of Eternity schafft’s. Viele Kritiker und Spieler sind sich einig: mit Pillars of Eternity hat Obsidian Entertainment geschafft, was in der Vergangenheit schon oft scheiterte – ein schönes Rollenspiel im alten Stil. Hier wird nicht mit Unreal Engine 4 oder Face Motion Capture geprotzt, die Dialoge sind der Schwerpunkt des Spiels. Man kann also ganz klar sagen: Wer Cut-Scenes, Grafikbomben und kurze Dialoge mag, dem ist von Pillars of Eternity abzuraten. Es gibt viel zu lesen, seeehr viel. Das macht aber gar nichts, denn alle Hauptdialoge wurden eindrucksvoll vertont. Lediglich frei auswählbare Dialoge muss man stumm vor sich hin lesen. Das Spiel hat eine ganz eigene Art, mit den Dialogen die eigene Vorstellungskraft in Schwung zu bringen. Charaktere werden eindrucksvoll beschrieben, jede Bewegung wird mit Worten zu einem Bild im Kopf umgesetzt. Ein bisschen schade ist die teilweise mangelhafte deutsche Übersetzung, gerade bei den imposanten Dialogen. Ab und zu lesen sich die Dialoge dann nicht wie ein Tolkien Roman, sondern eher wie ein Waschzettel in der thailändischen-3€-Hose.

pillars of eternitySo viel Details, so wenig Zeit

Um alle Inhalte aufzuzählen, benötigte ich hier noch mal so 2-3 Seiten. Da das aber niemand lesen will, versuche ich mich kurz zu fassen.

Am meisten hat mich die Charakter-Erstellung überrascht. Was der Grafik an Tiefe fehlt, wird mit der Beschreibung des Charakters wieder gut gemacht. Sechs Rassen, zwei Unterrassen, 3.913 Klassen (darunter Druide, Sänger, Barbar). Welcher Kultur gehört dein Charakter an? Welchen Hintergrund hat er? So viel Gedanken habe ich mir bislang nicht mal über mich selbst gemacht. Vor allem „Pen & Paper“-Fans kommt diese Stilisierung der Protagonisten sehr entgegen. Außerdem gibt es auch noch die Begleiter. Jeder von ihnen hat seinen eigenen Wiedererkennungswert. Manche fallen einem ins Wort, andere streiten sich untereinander, während man auf Reisen ist. Pillars of Eternity protzt grade so vor Variabilität und hat in jeder Ecke des düsteren Eora (die Spielwelt) ein bisschen Liebe versteckt. Was die Story angeht, möchte ich gar nichts drüber sagen. Davon abgesehen ist diese auch viel zu komplex, als das man sie in ein paar simplen Sätzen erzählen könnte.

Fazit

pillars of eternity

Zurzeit ist Pillars of Eternity definitiv mein Game of the Year. Stimmung, Erzählung und Gameplay passen perfekt zum Spielstil der so beliebten alten Rollenspiele. Ein Spiel muss nicht immer eine grafische Bombe sein, um einen Spieler an den Bildschirm zu fesseln. Pillars of Eternity ist das beste Beispiel. Eine kleine Vorwarnung am Ende: Anfänger wie ich werden zu Beginn des Spiels viel sterben, seeehr viel sterben. Für RPG-Laien ist der strategische Kampf sehr gewöhnungsbedürftig. Mit simplen Tasten-Bashing gewinnt man hier nichts außer gebrochenen Knochen und einem lapidaren „Sie sind tot.“

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Anne ist Game Design-Student und setzt sich freiberuflich mit der Videospielkultur auseinander. Neben kleineren Indie-Titeln und psychologischen Themen hat es ihr vor allem das Sci-Fi-Genre angetan. Unter @dovahkarian tweetet sie hauptsächlich Fotos von ihren Hunden.