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THE ORDER: 1886 – Inszenierung statt Spielspaß?

von Anne Zarnecke am 20. Februar 2015

The Order: 1886

Wir schreiben das Jahr 1886. Isabeau, Lafayette, Sebastian und ich sind auf der Suche nach dem Halbblüter, der uns entwischte. Um effizienter zu arbeiten, haben wir uns aufgeteilt. Unser Weg führt durch den dunklen Untergrund Londons. Kalt, dreckig – und überall dieser Gestank. Diese Stadt hat einen schmutzigen Charme, der mich trotz der hier vorherrschenden Brutalität fasziniert. Alles wirkt so lebendig, selbst die Bäume, die sich im Wind wiegen. Und erst das Licht: Wie es diese schaurige und zugleich atemberaubende Stimmung in die Stadt zaubert. Auch das Konzept der Viktorianischen Ära. Faszinierend, alles fühlt sich so echt an. Die Texturen meiner Kleidung sind fast gestochen scharf, und dabei sind wir doch nur Einsen und Nullen.

Und, mit Verlaub, die besten Ritter des Ordens. Die Elite. Im Gegensatz zu anderen haben wir die nötige (künstliche) Intelligenz, um schwere Kämpfe zu meistern. Isabeau ist zwar noch jung, dennoch ist sie eine der fähigsten Ritter, die ich jemals sah. Sie abzuwerten ihres Geschlechtes wegen wäre eine Beleidigung für sie – und die Ritterschaft. Manchmal frage ich mich, ob der Heilige Gral ein Segen oder ein Fluch für unseren Orden ist. Das Leben eines Menschen auf mehrere Jahrhunderte zu strecken ist unnatürlich. Selbst für Character wie uns! Wo setzt man die Grenze zu den Halbblütern? Seit Jahrhunderten halten die Kämpfe gegen diese Bestien an. Viele haben bereits ihre Hoffnung verloren. Ich vertraue Sebastian, wir werden diese Kreaturen töten und die Menschheit wird den Sieg an sich reißen. Auch wenn das bedeutet, mein eigenes Leben im Kampf zu geben. Sebastian ist einer der wenigen Menschen, die meinen Respekt verdienen. Trotz (oder gerade wegen?) seiner teilweise unkonventionellen Methoden gehört er zu den besten und erfahrensten Ritter im Orden. Sein Gesicht ist von vielen Falten gezeichnet, die Haare mittlerweile gräulich. Seine Augen jedoch wirken lebendig, begierig auf Rache und Genugtuung. Die Engine setzt die Emotionen und Charakterzüge meiner Leute perfekt um und erweckt sie zum Leben. Nicht so lächerlich hölzern wie in anderen Spielen.
gallahad_theorder1886_xplorerMan stumpft ab über die Jahrhunderte, lernt seine Emotionen zu unterdrücken. Um auf die Jagd zu gehen, muss man einen klaren Kopf haben, sich nicht von seinen Gefühlen beeinflussen lassen. Man tötet Halbblüter, die einst Menschen waren. Heutzutage töten wir selbst unseresgleichen. Rebellen schließen sich den Halbblütern an, werden so zu ihnen. Trotz all dem gibt es noch immer Männer, die uns den Rücken stärken. Der junge Tesla versorgt uns regelmäßig mit neuer Technologie und neuen Waffen für den Kampf. Ein regelrechtes Wunderkind. Kann es wirklich sein, dass die Wahrsagerin recht hat und einer seiner Nachfahren metallene Pferde baut? Sicherlich wird diese Gabe bald auch von anderen anerkannt. Waffen wie das Blitzgewehr verschaffen uns einen großen Vorteil im Kampf gegen die ständige Bedrohung. Zu schade, dass ich oftmals nur über einen Knopfdruck reagiere. Uns stehen dunkle Zeiten bevor, da muss ich doch mehr drauf haben als Knopfdruck-Kämpfe. Schließlich bilden sich Komplotte hinter unseren Rücken. Und die Bedrohung kommt nicht nur aus den abgelegenen Gassen Londons! Nein, selbst in den eigenen Reihen findet man Verräter!

kampf_theorder1886_xplorerWie viel Inszenierung tut gut?

Ready At Dawn schafft mit The Order 1886 ein grafisches Brett. Noch nie habe ich eine so atemberaubende Grafik in einem Spiel gesehen. Als Gegner schlechter Gesichtsanimationen war ich hin und weg. Die Gesichter spiegeln zu jeder Zeit exakt die Gefühle der Charaktere wider. Man kann selbst ein fröhliches Lachen von einem gezwungenen unterscheiden und an den Augenbrauen man Gefühle ablesen. Auch die Inszenierung stellt viele andere Spiele in den Schatten. Die Bedrohlichkeit der Stadt kann man geradezu schmecken. Überall liegt Dreck, die Sonne zeigt sich nur durch düstere, dicke Wolken. Die Idee, das Spiel viel mehr als ein Film wirken zu lassen, ist dem Entwickler-Team auf jeden Fall gelungen. Vielleicht etwas zu sehr?

The Order ist kein Open-World-Game. Das ist erst einmal ungewöhnlich für die Spieleszene, jedoch nicht unbedingt gleich ein Kritikpunkt. In manchen Abschnitten wäre eine offene Spielwelt eher hinderlich gewesen. Frei in einem Spiel herumzulaufen ist natürlich grundsätzlich ein gutes Gefühl. Man fühlt sich frei und nicht gezwungen, bestimmte Quests oder Kampagnen zu erledigen. Oftmals wird jedoch das Open-World-Feature einfach lustlos in das Spiel geschmissen. In Spielen wie Skyrim oder Dragon Age wäre das Fehlen der Open World ein dicker Minuspunkt. In Spielen wie Assassins Creed Unity wurde meiner Meinung nach bereits zu dick aufgetragen. Das Spiel bietet einfach zu wenig Story, um einen fünfstündigen Nebenquestlauf zu begründen.
luftschiff_theorder1886_xplorerDie Entscheidung, dem Spieler in The Order keine freie Welt zu lassen, finde ich in diesen Fall also erstaunlicherweise erfrischend. Das führt jedoch gleich zum nächsten Punkt: die Spielzeit. Schon vor Release gab es großen Aufruhr, nachdem Spieler veröffentlichten (wie auch immer), sie hätten das Spiel nach sieben Stunden durchgespielt. Sofort startete die nächste Spiele-Hetzkampagne. Wäre ja sonst auch langweilig. Durch die recht lineare Fahrt durch die Geschichte wird die Spielzeit natürlich drastisch verkürzt. Während man in anderen Spielen fröhlich umherirrt, um neuen Loot für Rüstung zu sammeln, geht es bei The Order von einen Spielkapitel ins nächste. Viel Zeit zum Hinterfragen oder Umgucken gibt es hier also nicht. Und dennoch muss ich der Mehrheit zu stimmen. 7 – 10 Stunden Spielzeit in einem 60€-Spiel ist gnadenlos überteuert. Wenn ich mir überlege, dass ich in andere, gleichteure Spiele 200 Stunden investiert habe, ist diese Angabe geradezu lächerlich.

Ein anderer Punkt ist die Beschränkung des Gameplays. In vielen Sequenzen kann man per Quicktime-Events das Geschehen „steuern“, anstatt selbst richtig Hand anzulegen. Statt also gegen einen Halbblüter mit taktischen Granaten oder Waffen zu kämpfen, findet man sich meist in einer Tastendrück-Orgie wieder. „Drücke X, um jetzt auszuweichen.“ „Drücke B, um dich zu befreien“ Hm…ok. Das hätte spannender ablaufen können. Die cineastische Darstellung ist durchaus gelungen, aber reicht das dem Spieler wirklich? Um Spiele zu nennen, bei denen dieses Konzept schon in der Vergangenheit funktioniert hat, könnte man die Telltale-Serie, Walking Dead oder auch Beyond Two Souls nehmen. Diese Spiele setzen ihren Fokus mehr auf die Entscheidungen und Geschichte anstatt Gameplay-Aspekte. Über die Qualität der Geschichte in The Order könnte man sich wahrscheinlich wieder stundenlang streiten, aber sowas ist einfach eine Sache des persönlichen Geschmacks. Ich selbst finde die Geschichte sehr gelungen.

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Fazit

Ich trete The Order: 1886 gespalten gegenüber. Die Grafik, Gesichtsanimationen und Inszenierungen der Szenen sind mit anderen Spielen meiner Meinung nach nicht vergleichbar. Oftmals saß ich in Sequenzen einfach da, während meine Augen sich unsicher waren, ob das jetzt das Spiel oder eine Film-Sequenz ist. Grafik ist wahrlich nicht das, was ein gutes Spiel ausmacht, jedoch trägt es stark zum Gefühl des Spiels bei und inwieweit man sich in die Geschichte hineinversetzen kann. Wenn da nicht die kurze Spielzeit und teilweise zu stark durchgesetzte Sequ
enzen und Quicktime-Events wären, The Order wäre definitiv in die Auswahl zum Game of the Year für mich gekommen. Der Preis / die Spielzeit ist für mich jedoch so unbegründet, dass dadurch leider eine Menge Euphorie für das Spiel verloren geht. Spieler, die eine etwas kurze Spielzeit einstecken können, sind mit The Order in allen Aspekten gut bedient. Ein Widerspielwert wie Mass Effect oder 200 Stunden Spielzeit stecken jedoch meiner Meinung nach leider nicht drin.

Details
Item Reviewed

The Order: 1886

Author
20. Februar 2015
Länge

7-8 Stunden

Release

20. Februar 2015

Publisher

PlayStation 4

Entwickler

Ready at Dawn

Genre

Action-Adventure

Plattform

PlayStation 4

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Irgendwas mit Videospielen, Musik und Comics. Bärte sind die besseren Menschen.
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